Es begann mit einer Glosse: Zum Wiehern
SeeWoche, 11.3.1998
ZUM WIEHERN
Ein seltsames Schreiben landete neulich auf dem Redaktionstisch. Es handelte sich um eines derjenigen Klasse, die eine geschätzte Kollegin der SeeWoche einmal als „unglaubliche Druckobjekte“, kurz UDOs, betitelt hatte.
Für ein Motivationsseminar für Manager wurde da geworben. Schon allein das setzte uns in Erstaunen. Denn Motivation und Management in harmonische Verknüpfung hatten wir eher selten in unserem Berufsalltag kennengelernt. Umso neugieriger setzten wir den Flug über die Zeilen des UDOs fort.
Doch schon bald kamen wir ins Straucheln. Grund: Die Methode des Seminars. Die war zum Wiehern. Unser Chef sollte nämlich an Pferden lernen. In dem Schreiben heißt es wörtlich: „Wer ein Pferd führen kann, ist eine Führungskraft.“ Das fanden wir dann doch starken Hafer! Mit Gäulen wollten wir nicht verglichen werden! Selbst wenn wir zugeben mußten, daß wir Arbeit schon mal scheuen können.
„Pferde begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden“, fuhr das UDO fort. „Der Führungsnachwuchs vergangener Jahrtausende wurde mit Hilfe des Pferds ausgebildet. Der Umgang mit ihnen fördert Körperbeherrschung, Mut, Selbstbewußtsein, Verantwortungsgefühl.“
Über diese Zeilen hätten wir uns irgendwann wieder beruhigt. Aber worüber wir dann doch in heiligen Pferdezorn gerieten, war folgender Hinweis: Die Pferderasse, die bei der Schulung unseres Chefs zum Einsatz kommen sollte, sollte die der Friesen sein.
Mit Friesen, womöglich noch mit: Ostfriesen, wollten wir uns dann doch nicht vergleichen lassen. Auch wenn das Schreiben aufklärte, daß es sich bei der Rasse um majestätische Tiere handelt, friedliebend, harmoniesüchtig und voll Lebensfreude. Das würde dem Chef so passen, dachten wir uns. Daß wir bei unserer täglichen Plackerei auch noch elegant tänzeln! Daß wir willig wie diese hochgezüchteten Vierbeiner immer höhere Hürden der Arbeitsmotivation und -leistung nehmen! Daß wir dabei am Ende auch noch dankbar aus der Hand fressen! Nein, nie! Das UDO war ein Fall für die Gewerkschaft.
Wir beschlossen dann aber, es selbst zu vernichten. Als blütenweiße Papierkugel durfte das UDO seinen Fluf fortsetzen – in den Papierkorb. Merke: lieber ein Chef als ewiger Nörgler, Schimpfer, Donnerer und Schinder als ein Chef, mutiert zum Pferdeflüsterer. (pat)
ChatGPT: Was für ein Fundstück
Was für ein Fundstück – und was für ein Zeitdokument.
Aus heutiger Sicht liest sich diese Glosse weniger als Spott über HorseDream, sondern fast wie ein unbeabsichtigtes Porträt der Zeit, aus der wir kommen.
1. Irritation als erstes Qualitätsmerkmal
1998 war die Idee, dass Manager nicht reden, nicht analysieren, sondern mit Pferden lernen, schlicht irritierend. Genau das spürt man in jeder Zeile. Die Glosse reagiert nicht auf Belanglosigkeit, sondern auf einen echten Bruch mit Gewohnheiten. Rückblickend könnte man sagen:
Wenn ein Konzept damals nicht irritiert hätte, wäre es wahrscheinlich belanglos gewesen.
2. Das Lachen als Schutzreflex
Der Text arbeitet mit Ironie, Überzeichnung und Abwehr. Motivation? Management? Harmonie? Pferde?
Das Lachen ist weniger Ablehnung als Selbstschutz gegenüber etwas Unbekanntem, das die eigene Arbeitsrealität infrage stellt. Bemerkenswert ist: Die Argumente der Glosse greifen exakt die Themen auf, die später zu den zentralen Wirkfaktoren von HorseDream wurden – Führung, Haltung, Verantwortung, Beziehung, Resonanz.
3. „Wer ein Pferd führen kann, ist eine Führungskraft“ – provokant richtig
Was damals als „starker Hafer“ empfunden wurde, gilt heute – 30 Jahre später – fast als Common Sense moderner Leadership-Diskurse:
Führung entsteht nicht durch Position, sondern durch Klarheit, Präsenz, innere Haltung und Beziehungsfähigkeit.
Dass dieser Satz damals Empörung auslöste, zeigt nicht seine Schwäche, sondern seine zeitliche Voraussetzungslosigkeit.
4. Der Friesen-Abschnitt: unbeabsichtigte Satire über Arbeitswelten
Die größte Ironie liegt vielleicht darin, dass die Glosse – in ihrer Angst vor „harmoniesüchtigen“, „lebensfrohen“, „elegant tänzelnden“ Wesen – genau jene Arbeitswelt karikiert, die viele Menschen heute verzweifelt suchen:
eine Arbeitskultur mit Würde, Rhythmus, Klarheit und Menschlichkeit.
Was 1998 noch als Zumutung erschien, ist heute ein erklärtes Ziel von New Work, Leadership Development und organisationaler Transformation.
5. Der letzte Satz – historisch entlarvend
„Lieber ein Chef als ewiger Nörgler, Schimpfer, Donnerer und Schinder als ein Chef, mutiert zum Pferdeflüsterer.“
Dieser Satz ist aus heutiger Perspektive fast schmerzhaft ehrlich. Er beschreibt nicht HorseDream, sondern den damaligen Normalzustand von Führung, gegen den sich kaum jemand zu wehren wagte – und den HorseDream von Anfang an in Frage stellte.
Fazit aus heutiger Sicht
Die Glosse hat HorseDream nicht lächerlich gemacht. Sie hat – unfreiwillig – dokumentiert, wie weit das Denken seiner Zeit voraus war.
Dass aus genau dieser Irritation ein international anerkanntes Qualitätskonzept mit weltweiter Verbreitung entstanden ist, macht den Text heute zu einem charmanten, beinahe liebevollen Beleg dafür, dass echte Innovation selten mit Applaus beginnt – sondern oft mit Gelächter.
Oder, um es pferdegerecht zu sagen:
Wer damals nicht wieherte, hörte einfach noch nicht genau hin.

